Philosophie im Dienst der Wissenschaften


Philosophie im Dienst der Wissenschaften
Philosophie im Dienst der Wissenschaften
 
Seit ihrer Emanzipation von der Philosophie haben die Erfahrungswissenschaften als Trägerinnen des neuzeitlichen Bewusstseins auf beispiellose Weise die Zivilisationen moderner Gesellschaften geprägt. Die Institutionalisierung einer unabhängigen Forschung an den Universitäten bildete hierfür die Voraussetzung. Der gesellschaftliche Erfolg der Wissenschaften als maßgebliche Autorität gründet vor allem in den technisch-technologischen Errungenschaften, die aus den Resultaten der Forschung gewonnen werden. Gegenüber dieser Erfolgsstory nimmt sich die Stellung der Philosophie im Spektrum der Wissenschaften recht bescheiden aus. Der Neopositivist Otto Neurath hat die Philosophie einmal mit einem Schiff verglichen, das auf offener See auf riskante Weise umgebaut wird. Die Wissenschaften dagegen sind im geschützten Hafen bewährter Forschungstraditionen und gesellschaftlicher Anerkennung vor Anker gegangen. Kann die Philosophie den modernen Menschen, die an dem durch die Wissenschaft vertretenen Fortschritt der Erkenntnis interessiert sind, überhaupt noch einen Dienst erweisen? Wird sie nicht zunehmend entbehrlich? Erschöpft sich ihre Rolle als Legitimationsstifterin in Ethikkommissionen?
 
Obwohl sich die Wissenschaftswelt im 20. Jahrhundert in ein dicht geknüpftes Netz von Einzelwissenschaften beziehungsweise Fachdisziplinen verzweigt, besteht ihre Gemeinsamkeit mit der Philosophie nach wie vor im Streben nach der Wahrheit. Dieses Ziel wurde zum ersten Mal in der Antike formuliert. Die Philosophie ist dort im Zuge der Demokratisierung der attischen Polis entstanden als Ausdruck des Selbstbewusstseins der freien Bürger, sich an Einsichten zu orientieren, die in öffentlichen Unterredungen über Themen des Allgemeinwohls gewonnen wurden. Während die Sophisten als gebildete und raffinierte Experten auftraten, Lehrmeinungen dozierten und interessengebundene Positionen propagierten, fragte Sokrates - sein Schüler Platon hat ihn als den Prototypen eines Philosophen geschildert - nach der für jeden Menschen gültigen und für jeden, der wissen will, einsehbaren Wahrheit.
 
Diese Idee der Wahrheit und die damit implizierte Unterscheidung zwischen »Wissen« und bloßem »Für-wahr-Halten« begründet den gemeinsamen Ursprung von Philosophie und Wissenschaft bis zum heutigen Tag. Weder das tradierte Alltagswissen noch die täuschungsanfälligen Meinungen können, so die griechische Philosophie, das Verlangen des Menschen nach Erkenntnis über sich selbst stillen, über die Welt, in der er lebt, und über die in seinem kurzen Leben erstrebenswerten Ziele. Das Bild des nach Wissen und Wahrheit suchenden Menschen - ein sowohl für die Philosophie als auch für die Wissenschaften maßgebliches Leitmotiv - prägt die Kulturgeschichte des Abendlandes bis zum heutigen Tag. Daraus erwächst der Philosophie die Aufgabe, die Erinnerung an diese Tradition wach zu halten - eine wesentliche Facette des Selbstverständnisses des Menschen, an die nicht zuletzt auch die demokratischen Einrichtungen der Gesellschaft und des Staates geknüpft sind. Gerade die Erfahrungswissenschaften an den Universitäten profitieren heute davon in besonderem Maß.
 
Die Emanzipation der Wissenschaft von der Metaphysik ist jedoch von der Philosophie mit initiiert worden. Descartes entwarf dazu ein Programm, in dem er der Philosophie empfiehlt, »more geometrico«, das heißt aus unstrittigen obersten Prinzipien des Denkens weitere Erkenntnisse abzuleiten. Ähnlich lautete auch Kants Ansinnen in der »Kritik der reinen Vernunft«, dass die Philosophie wie die Mathematik und die Naturwissenschaften endlich durch methodisch-konstruktives Vorgehen zum Erkenntnisfortschritt beitragen und damit zu objektivem Wissen gelangen solle. Beide Autoren lassen allerdings keinen Zweifel daran, dass die Bestimmung der Geltung, nämlich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Wissens (die »quaestio iuris« im Unterschied zur »quaestio factis«) nicht von den Einzelwissenschaften, sondern nur philosophisch zu beantworten ist. Die Frage nach der Geltung und der Bedeutung des Wissens für den Menschen auch unter Berücksichtigung des enormen faktischen Fortschritts der Wissenschaften ist nach wie vor Thema der philosophischen Reflexion.
 
Allerdings hat die Philosophie auch auf vielfache Weise zum positiven Fortschritt der Erkenntnis beigetragen. Ihre Verwissenschaftlichung kommt vor allem in der Auffächerung in spezifische philosophische Teilgebiete zum Ausdruck, wie Logik, Wissenschaftstheorie, philosophische Anthropologie, Sprachphilosophie, Geschichtsphilosophie, Moralphilosophie, die ihrerseits wiederum eigene Forschungsprogramme und -traditionen aufweisen. Die Resultate, die hier erzielt werden, sind unverzichtbar für die im engeren Sinne wissenschaftlichen Forschungen. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung der Sprachphilosophie von Wilhelm von Humboldt über Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger und Bruno Liebrucks bis hin zur Sprechakttheorie von John R. Searle und ihrer Interpretation durch Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel, so erkennt man die starken Impulse, die von der Philosophie ausgegangen sind und die es unmöglich machen, eine klare Grenzlinie zu den Sprachwissenschaften wie zum Beispiel der Linguistik, der Semiotik oder der Semantik zu ziehen.
 
Nicht nur, dass philosophische Ansätze in den Forschungsprozess der Wissenschaften integriert werden, die philosophischen Analysen haben insbesondere Themen, Theoreme, Methodologien und Resultate hervorgebracht, die sich als Leitorientierungen für die Entstehung von wissenschaftlichen Disziplinen erweisen. Man denke nur daran, dass aus der Geist-, Subjekt- und Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus im 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Einzelwissenschaften (beispielsweise die Psychologie, die Soziologie, die Geschichtswissenschaften) hervorgegangen sind, auch wenn diese sich von ihren Wurzeln gelegentlich distanzieren und Konzepte von Subjektivität, Freiheit und Vernunft aufgeben. Diese »Emanzipation« führt dazu, dass - zugespitzt formuliert - mit immer mehr Forschungsaufwand immer weniger erkannt wird. Eine allzu forciert betriebene sektiererische Distanzierung von der philosophischen Gesamtschau einer Thematik, wie sie von einzelwissenschaftlicher Seite um einer gesteigerten Verwissenschaftlichung willen betrieben wird, führt gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu einer Preisgabe interessanter Problemstellungen und zu einem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust dieser Disziplin. Hinzu kommt eine reduktionistische und deterministische Deutung der untersuchten Phänomene, die die Kritik der Philosophie hervorruft.
 
Ein weiteres Beispiel für wichtige Impulse der Wissenschaften im 20. Jahrhundert durch die Philosophie ist die phänomenologische Forschungstradition, die mit dem Namen Edmund Husserl verbunden ist. Husserl hat den Anspruch gestellt, die Philosophie als «strenge Wissenschaft« (neu) zu begründen. Sein Programm zielte auf die Analyse der objektivitätsbegründenden ideellen Grundlagen von Wissenschaft und Alltagserfahrung. Eine Theorie der Bewusstseins- und Lebensweltvoraussetzungen jeder Erfahrung sollte zugleich einen Beitrag leisten, die von ihm projizierte »Krisis der europäischen Wissenschaften« auch im Interesse der Wissenschaften selbst zu überwinden. Besonders einflussreich hat sich das phänomenologische Forschungsprogramm für die Deskription und Theorie soziokultureller Identitäten - ihrer Symbolsysteme und Verhaltensmuster - erwiesen, mit denen sich unterschiedliche Wissenschaften wie die Ethnologie, die Anthropologie und die Sozialwissenschaften befassen.
 
Der Prozess der Ausdifferenzierung der Wissenschaften wird begleitet von heftigen, vor allem von Philosophen geführten wissenschaftstheoretischen Kontroversen über das Wesen der Wissenschaften mit dem Ziel der Rekonstruktion, der Steuerung und der Kontrolle des faktischen Forschungsprozesses. Ein zentrales Anliegen ist die Diskussion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Natur- und Geisteswissenschaften. Das Projekt des logischen Empirismus und des kritischen Rationalismus, eine alle Einzeldisziplinen umfassende einheitliche, vorwiegend den Bedürfnissen der Naturwissenschaften entsprechende Methodologie und Wissenschaftssprache, ist auf die Kritik der Hermeneutik gestoßen, die untrennbar mit dem Namen Hans-Georg Gadamer verbundenen ist. Als philosophische Methodenlehre plädiert sie für die Analyse von »Sinn und Bedeutung« als genuinen Gegenständen der Geistes- und Kulturwissenschaften. Diese Debatten, die immer wieder aufbrechen, da auch das Selbstverständnis der Wissenschaften sich wandelt und neue Wissenschaften entstehen, haben jedoch eine Reihe systematischer Begriffe zum Verständnis der wissenschaftlichen Forschung hervorgebracht, die zum Alltagswissen eines jeden Forschers gehören - so beispielsweise die Unterscheidung zwischen den nach spezifischen Regeln konstruierten Kontexten der Entstehung, der Geltung und der Verwendung des wissenschaftlichen Wissens.
 
Der Wissenschaftstheoretiker und -historiker Thomas S. Kuhn hat in seinen berühmten Studien zur Geschichte der Physik beschrieben, dass das Alltagsgeschäft des Wissenschaftsbetriebs darin besteht, Erfolg und Bestätigung für ihre Hypothesen zu erreichen. Nur in Krisenzeiten, in denen unüberwindbare Widersprüche auftreten und es zur Revolution des Forschungsansatzes kommt, fragen die Mitglieder der jeweiligen Forschergemeinschaft nach den forschungsleitenden Grundlagen, dem »Paradigma«. Mit diesem Begriff des Paradigmas hat Kuhn deutlich gemacht, dass die Grundlagen der Wissenschaften philosophischer Natur sind; denn darin sind metaphysische Annahmen über die Struktur des Seins und des Denkens, der Beziehung von Forschungssubjekt und Forschungsobjekt enthalten, die den erfahrungswissenschaftlichen Bezug transzendieren.
 
Gerade in Hinblick darauf, dass die Wissenschaften einem hohen gesellschaftlichen Erwartungsdruck ausgesetzt sind und ihr Hauptaugenmerk daher der technisch-praktischen Wissensproduktion gilt, ist es Aufgabe der Philosophie, die Grundlagen der Einzelwissenschaften und der damit verknüpften Forschungsorientierungen zu reflektieren. In Anbetracht der raschen Evolution des wissenschaftlichen Wissens, des Entstehens neuer und des Verdrängens traditioneller Wissenschaften sind erhebliche Anstrengungen erforderlich. Des weiteren ist es ihr Anliegen, die Ergebnisse der Einzelwissenschaften in einen Gesamtzusammenhang der menschlichen Existenz zu stellen. Eine solche Deutung ist auch für die Entwicklung der Wissenschaften dringend erforderlich, wenn das von ihnen geschaffene technisch-technologische Potenzial zum Wohl und nicht zum Schaden der Menschheit eingesetzt werden soll. In seiner Rechtsphilosophie schreibt Hegel, seine Philosophie fasse ihre Zeit in Gedanken. Hintergrund war die Stellung der Philosophie an der nach Entwürfen von Humboldt gegründeten modernen Universität in Berlin, einer Institution der Aufklärung und des Selbst- und Freiheitsbewusstseins des damaligen Bürgertums. Die Zeiten haben sich seitdem geändert. Auf welcher Grundlage sind im 20. Jahrhundert, dem Zeitalter der Globalisierung, die für die Herstellung und Erhaltung von Frieden und Freiheit so dringend benötigten Dialoge zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen, Kulturen, Ethnien und Religionen möglich? Der Philosophie, die im Streben nach Wahrheit, im Prinzip frei von jeglicher vorgegebenen Autorität und furchtlos vor dem Tod entstanden ist, erwächst hier eine bedeutende Aufgabe, die sie weise, in produktiver Spannung mit ihrer wissenschaftlichen Existenz erfüllen kann.
 
Prof. Dr. Christiane Bender
 
 
Geschichte der Philosophie in Text und Darstellung, herausgegeben von Rüdiger Bubner. Band 8: 20. Jahrhundert, herausgegeben von Reiner Wiehl. Neuausgabe Stuttgart 1995.
 Hacking, Ian: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Aus dem Englischen. Stuttgart 1996.
 Kanitscheider, Bernulf: Wissenschaftstheorie der Naturwissenschaft. Berlin u. a. 1981.
 
Philosophie der Gegenwart, herausgegeben von Josef Speck. 6 Bände. Göttingen 2-31984—92.
 
Philosophie im 20. Jahrhundert, herausgegeben von Anton Hügli und Poul Lübcke. 2 Bände. Reinbek 2-31996—98.
 Seiffert, Helmut: Einführung in die Wissenschaftstheorie. 4 Bände. München 1-121992—96.
 Stegmüller, Wolfgang: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie. Eine kritische Einführung. 4 Bände. Stuttgart 1-81987—89.

Universal-Lexikon. 2012.

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